DAS GEHEIMNISVOLLE NACHEN

Gestern nachts, als alles schlief,

Kaum der Wind mit ungewissen

Seufzern durch die Gassen lief,

Gab mir Ruhe nicht das Kissen,

Noch der Mohn, noch, was sonst tief

Schlafen macht, – ein gut Gewissen.


Endlich schlug ich mir den Schlaf

Aus dem Sinn und lief zum Strande.

Mondhell war's und mild, – ich traf

Mann und Kahn auf warmem Sande,

Schläfrig beide, Hirt und Schaf: –

Schläfrig stieß der Kahn vom Lande.


Eine Stunde, leicht auch zwei,

Oder war's ein Jahr? – da sanken

Plötzlich mir Sinn und Gedanken

In ein ew'ges Einerlei,

Und ein Abgrund ohne Schranken

Tat sich auf: – da war's vorbei!


– Morgen kam: auf schwarzen Tiefen

Steht ein Kahn und ruht und ruht ...

Was geschah? so rief's, so riefen

Hundert bald: was gab es? Blut? –

Nichts geschah! Wir schliefen, schliefen

Alle – ach, so gut! so gut!


- Friedrich Nietzsche -

DER GEHEIMNISVOLLE NACHEN

- Friedrich Nietzsche -


Rezitation: Klaus Kinski https://youtu.be/KUXsI0Dqoe4


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